Mitteilung des Bistums Fulda
Bischof Dr. Michael Gerber ruft zum Beginn der Fastenzeit zu einer Kirche auf, die aus persönlichen Begegnungen lebt und Menschen in Krisen nicht allein lässt.
In seinem Hirtenwort verbindet er Erfahrungen aus seiner eigenen Erkrankung mit biblischen Weggeschichten wie der Begegnung von Maria und Elisabeth.
Daraus entwickelt er eine Kultur des Zuhörens und Mittragens als zentrale Haltung, die für Gesellschaft und Kirche gleichermaßen Bedeutung hat.
In seinem Hirtenwort zum ersten Fastensonntag dankt der Fuldaer Bischof Dr. Michael Gerber für die Unterstützung und die vielen Gebetszusagen während seiner Krebs-Erkrankung.
Zugleich richtet er den Blick auf Menschen, die in Krankheit und anderen Belastungen Einsamkeit, lange Wartezeiten oder wirtschaftlichen Druck erleben. Gerber fragt, was Menschen trägt, wenn Herausforderungen existenziell werden und wie Kirche in solchen Zeiten konkret gegenwärtig sein kann.
Eine Kirche, die in die Zukunft weist
Bischof Gerber verdichtet seine persönlichen Erfahrungen zu einem klaren Kirchenbild: „Hier habe ich eine Form von Kirche erlebt, die in die Zukunft weist“, sagt er.
Kirche zeige sich dort, wo Menschen einander beistehen und Krisen gemeinsam aushalten. Sie lebe „in der Beziehung von Mensch zu Mensch und von Herz zu Herz“.
Diese Erfahrung verbindet Gerber mit einer Leitentscheidung für sein Amt: „In mir ist die Überzeugung gewachsen: Für diese Form von Kirche will ich mich als Ihr Bischof einsetzen mit all den Kräften, die mir zur Verfügung stehen.“
Der Glaube gründe in Christus, „der sich am Kreuz zutiefst hat verwunden lassen“. Wo er in den österlichen Erscheinungen seine Wunden zeige, entstehe eine neue Gemeinschaft, so Gerber: Menschen „mit ihren Brüchen tragen und ertragen sich gegenseitig“ und finden im Horizont von Ostern eine Perspektive für ihr Leben.
Einladung zum Zuhören
Die Fastenzeit versteht Gerber als Übungszeit für eine Kultur des Zuhörens. „Ja, jetzt ist diese Begegnung dran. Anderes kann warten“, lautet sein innerer Leit-Satz für Momente, in denen Menschen oft „ganz leise und verhalten“ etwas anvertrauen wollen.
Entscheidend sei, nicht reflexhaft zu erklären, so Gerber: „Widerstehen wir dem Impuls, gleich eine Antwort, eine Lösung zu finden. Sondern halten wir geduldig die Spannung aus, die entstehen kann, wenn ein Mensch eine existenziellere Krisensituation erfährt.“
So könne Raum entstehen, in dem sich neue Hoffnung regt.
Krisen nicht allein bestehen
Als Hoffnungszeichen beschreibt Gerber einen Studientag kurz vor seiner Operation mit 25 jungen Erwachsenen aus dem Bistum, die in den vergangenen Jahren zum Glauben gefunden haben.
Mehrere hätten dabei sehr existenzielle Krisen geschildert – verbunden mit der Erfahrung, dass „da jemand ist“, der mit ihnen Ängste und Nöte aushält und sie begleitet.
Mit der Zeit hätten einige entdeckt, „dass für die Person, die sie begleitet hat, der christliche Glaube eine wichtige Kraftquelle ist“ und dadurch selbst einen tieferen Zugang zum Glauben gefunden.
Für Gerber zeigt sich darin exemplarisch, wie Glauben heute weitergegeben wird: Es gehe oft nicht zuerst um Programme oder Debatten, sondern um Beziehung.
„Ja, in unseren Tagen, in unserem Bistum finden junge Menschen zum Glauben und sie sind in der Lage, davon Zeugnis zu geben“, betont der Bischof.
Maria und Elisabeth als Weggeschichte
Gerber deutet seine eigene Situation auch im Licht eines besonderen Datums: Sein Operationstermin fiel auf den 2. Juli, das Fest Mariae Heimsuchung. Für ihn sei das kein Zufall gewesen, sondern ein geistlicher Hinweis.
In den Tagen nach der Operation habe ihn das Evangelium vom Besuch Marias bei Elisabeth wiederholt beschäftigt: Zwei Frauen, beide existenziell herausgefordert, beide mit Grenzen konfrontiert und doch in einer Begegnung, die trägt und verändert.
Entscheidend sei dabei nicht die perfekte Antwort, sondern eine zugewandte Präsenz, so Gerber. „Beide erfahren in ihrem Gegenüber: Die Frau, die mir da begegnet, ist selbst mit ihren Grenzen konfrontiert. Und trotzdem – oder gerade deshalb – ist sie ganz geöffnet für das, was mich in diesem Moment bewegt.“
Aus dieser Begegnung wachse neues Leben und ein erneuertes Vertrauen. Für Gerber verdichtet sich in dieser biblischen Weggeschichte, was er selbst in den vergangenen Monaten erfahren hat.
Mit Blick auf seine Krebserkrankung beschreibt er, wie sehr ihn die Begleitung durch viele Menschen getragen habe: Im Gebet und in unzähligen persönlichen Nachrichten. „Im Bund mit dir“ – „diesen meinen Wahlspruch haben sie so auf eine Weise gelebt, die mich sehr bewegt.“
Gott, der Beziehung schafft
„Es mag etwas seltsam klingen: Ich möchte die vergangenen Monate nicht missen“, sagt Gerber. Gott habe sich ihm gezeigt als derjenige, „der in herausfordernden Situationen Beziehung schafft“.
Gerade in einer Zeit wachsender Einsamkeit und Verunsicherung liege darin eine Perspektive: „Dieser Gott will sich finden lassen, gerade heute, hier und ganz konkret.“
Das Hirtenwort wird am 1. Fastensonntag (22. Februar 2026) in allen Gottesdiensten des Bistums Fulda – einschließlich der Vorabendmessen – verlesen.
Text, Audio-Aufnahme, Fürbitten, weiterführende Informationen sowie die Hirtenworte der vergangenen Jahre sind im Internet abrufbar unter: www.fastenzeit.bistum-fulda.de.




